Professor Franz erklärt den „Kreativitätsmuskel“

Professor Franz erklärt den „Kreativitätsmuskel“

Professor Franz über Improvisation im Training – Ist Kreativität ein Muskel?

Ein paar Tipps dazu, wie ihr Inspiration und Kreativität als Trainingsbooster nutzen könnt

In diesem Video sieht man mich oder besser das Ergebnis, wenn man mich 10 Minuten mit einem Block und Matten in ‘meinem Labor’, i.e. die Turnhalle, alleine lässt. Nun folgt endlich die lang ersehnte Erklärung dazu, die bereits bei Instagram bekannt gegeben wurde. Angefangen hatte es mit der Idee, einen bestimmten Move zu lernen, bei der ich von einer Stützposition aus mit dem Kopf nach vorne tauche und dann direkt eine Vorwärtsrolle mache – ohne dazwischen mit den Füßen den Boden zu berühren. Vereinfacht wird die Bewegung durch Schwung aus den Beinen, die im besten Fall die Rollbewegung einleiten.

So viel zur Theorie.

Praktisch hatte ich es mit einer mentalen Blockade zu tun, der Gedanke an einen Köpfer mit Schwung in Richtung Boden war respekteinflößend. Deswegen habe ich kurzerhand einen Stapel Matten hinter den Block gelegt, wodurch direkt die Angst meiner Experimentierfreudigkeit wich. So kam es schnell zur Kombination von Eingängen aus verschiedenen Disziplinen Parkour oder Turnen mit Rollen als Ausgängen, die aus ebenso verschiedenen Disziplinen kommen

 

Für die neugierigen oder Nerds, hier ein paar der genannten Moves, vielleicht erkennt sie jemand wieder…

Eingänge:

  • Dash
  • Lazy Vault
  • L-Sit
  • Kreisflanken/ Flare
  • Rolle

Ausgänge:

  • Rolle vorwärts
  • Schulterrolle
  • Hechtrolle

Rückwirkend betrachtet ist der gesamte Prozess und das Video ein schönes Beispiel für mehrere Konzepte, Ideen oder simple Fragestellungen von denen ich ein paar anreißen möchte und eine genauer ausführen werde. Ich freue mich über eure Kommentare!

1) Disziplinen

Gibt es Disziplinen und ergibt die Betrachtung von Bewegung aus Sicht von Disziplinen Sinn?

Wenn man “Movement” einem Fremden zu erklärt, kommt man schnell in die Versuchung, es als eine Mischung aus verschiedenen anderen Disziplinen bzw. Sportarten zu beschreiben, beispielsweise als Tanz, Martial Arts, Akrobatik, Calisthenics, Meditation und Grundlagentraining etc. Aber mit dieser Betrachtungsweise schränkt man es automatisch auch ein, getreu dem Motto: “Etwas ist größer als die Summe seiner Bestandteile”, wird man Movement automatisch auf die Inhalte der Disziplinen limitieren.
Praktiziert man es dann auch so, kann es passieren, dass man sich in den einzelnen Disziplinen verliert und nie über deren Tellerrand hinausschaut. Damit verschließt man sich dann auch davor, einen Capoeira-Rad mit einer Turner-Rolle zu mischen.

2) Lernprozesse

Finden sie nur dann statt, wenn man etwas lernt?

Keine der Bewegungskombinationen im Video habe ich weiter trainiert, geübt oder verfeinert, ich kann also momentan auch keine davon ausführen. Bedeutet das automatisch, dass ich nichts gelernt habe? Finden Lernprozesse und Fortschritt nur statt, wenn man etwas auch kann?

3) Kreativität

Trainierbar wie ein Muskel?

Seit ich mit 12 Jahren Einblick in die Welt des Turnens und kurz darauf in diverse Akrobatikformen bekam, bewunderte und beneidete ich die Kreativität von Turnern, Tänzern, Trickern und Freerunnern. Diese Akrobaten hatten etwas – neben ihren eh schon beeindruckenden Skills – was ich nicht verstand: die Kreativität und Schönheit in der Kombination von Bewegungen. Viele hatten ihren eigenen Stil, der selbst ungewöhnliche Ausführungsformen trotzdem harmonisch wirken ließ. Aus Scham vor der Blöße, aber auch der festen Überzeugung, dass mir eine Fähigkeit dazu fehlte, probierte ich mich nicht mal daran. Erst vor wenigen Jahren entwickelte ich das Bild von “Kreativität als Muskel” und es beeinflusste mich enorm. Ich sagte mir selbst: “Muss man sich wundern, keine Klimmzüge zu können, wenn man sie nie trainiert oder probiert, nicht einmal gehangen hat oder geklettert ist? Wie kann ich dann erwarten kreativ zu sein, wenn ich es nie geübt habe.”

4) Muss jede Übung einen Zweck erfüllen?

Ich habe versucht verschiedene, bereits bekannte Bewegungsabfolgen (im Flow) miteinander zu kombinieren, um daraus neue Bewegungsformen zu entwickeln. Keines der Ergebnisse dieses kurzen kreativen Prozesses habe ich im Anschluss weiter erforscht, weder indem ich es geübt habe noch in anderer Form angewendet. Dennoch behaupte ich, dass diese 10 Minuten sehr wertvoll waren und ich beim Experimentieren viel mitgenommen habe, und zwar:

  • Aus relativ simplen Mustern, die ich seit ewigkeiten in meinem Repertoir, aber wenig genutzt hatte, sind neue Bewegungskombinationen entstanden, die in sich geschlossene neue Muster ergeben.
    Lange habe ich für solche Vorgänge einen Begriff gesucht, momentan nenne ich es Transmutation. Wenn zwei Bewegungen durch einen flüssigen Übergang zu einer neuen verschmelzen, welcher man im besten Fall einen komplett neuen Namen geben kann, dann sind sie transmutiert. Zum Beispiel ist aus dem Klimmzug und dem Dip in Kombination ein Muscle-Up geworden, welches heute wahrscheinlich niemand mehr “Klimmzug zu Dip” nennt.
  • Ich habe erfahren, dass ich Bewegungen einen neuen Charakter geben kann, indem ich sie auf Objekten in verschiedenen Höhen ausführe (keine der Bewegungen wäre auf einem ebenen Boden in der Art möglich gewesen).
  • Ich brauche nicht immer Inspiration von außen, sondern kann auch nur durch das Improvisieren mit gewöhnlichen Bewegungen neue ungewöhnliche entdecken. Das Internet und Sportstätten sind voll von Bewegungsinput und man sieht fast jeden Tag etwas neues, was man auch können will. Auch wenn ich diese Art von Austausch wertschätze, bringt sie ebenso Nachteile mit sich – das würde hier den Rahmen sprengen und wird in einem anderen Beitrag ausgeführt werden müssen.
  • Es hat einfach Spaß gemacht, ich konnte mich ausprobieren und habe entdeckt, wie viel Bewegungsvielfalt und Kreativität in mir steckt.

 

Fazit:

Solche kleinen Einheiten oder kreativen Blöcke können also eine perfekte Methode sein, um Inspiration für neue Bewegungsmuster zu bekommen, die mehr oder weniger aus dem aktuellen Skill Set entspringen anstatt von außen zu kommen. Letzteres ist nicht per se schlecht, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Bewegungsmuster, die man sich als Ziele setzt, weil man sie bei anderen gesehen hat, weit über dem aktuellen Bewegungsrepertoire liegen, ist wesentlich größer, als wenn man mit dem eigenen Skillset experimentiert. Dann sind die neuen Muster meist wesentlich realistischer zu erreichen.

 

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